„Ich will hier raus. Wir müssen hier raus.“ – es ist der 13. Juli 2021, kurz vor Mitternacht, als dieser Satz fällt. Draußen steht das Wasser bereits im Erdgeschoss des Hauses. Drinnen ein Frühchen, medizinisch abhängig von Geräten, und eine Familie, die plötzlich keine Wahl mehr hat.
Als Raphael in der 24. Schwangerschaftswoche mit gerade einmal 320 Gramm zur Welt kommt, dreht sich für Larissa und ihren Freund Fabio alles ums Überleben ihres Sohnes. Sechseinhalb Monate wird die Kölner Uniklinik zu ihrem zweiten Zuhause. Eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen, zwischen medizinischer Technik und den kleinsten Fortschritten, die zu großen Erfolgen werden. Für die Familie fühlt sich das damals wie die größte Herausforderung ihres Lebens an. Sie wissen nicht, dass wenige Monate später die Flut alles noch einmal verändern wird.
Alle sehnen den Tag herbei, an dem Raphael nach Hause kann und die Familie endlich wieder vereint ist. Ein Moment, der lange unerreichbar schien. Raphael ist zu diesem Zeitpunkt immer noch ein sehr kleines Baby, eines, das das Krankenhaus besser kennt als ein Zuhause. Schritt für Schritt findet die kleine Familie in einen Alltag ohne Daueralarm von medizinischen Geräten und genießt das eigene Haus, das Freunde zur Begrüßung geschmückt haben. Die kleine Idylle hält genau zwölf Tage. Dann beginnt es zu regnen.
„Am Anfang war es nur Regen. Er war zwar stark“, erinnert sich Larissa, „aber nichts, das sofort beunruhigend war. Selbst als im Dorf von einem acht Meter hohen Pegel gesprochen wurde, blieb das für uns unwirklich und fast absurd.“ Doch der Regen hört nicht auf und irgendwann bleibt das Wasser auch nicht mehr draußen.
Larissa sieht, wie Straßen überschwemmt werden und ihre Gartenmöbel davontreiben. Das Auto wird noch schnell auf einen Hügel gefahren, doch die Situation verändert sich schnell. Das Wasser steigt ins Haus, erst ins Erdgeschoss, dann weiter nach oben. Für Larissa und ihren Freund bleibt irgendwann kein Plan mehr, nur noch Reaktion.
„Wir wussten ja, dass unser Sohn nach wie vor auf medizinische Versorgung angewiesen war. Er wurde zu dem Zeitpunkt über eine Magensonde ernährt, brauchte einen Überwachungsmonitor und ein Beatmungsgerät, um seine Atmung zu stabilisieren. Er war so winzig und durfte keinen Stress haben. Also habe ich versucht, ihn zu beruhigen. Immer wenn er aufwachte, habe ich für ihn gesungen, auch wenn mir selbst eigentlich zum Schreien zumute war.“
Während draußen etwas geschieht, das längst niemand mehr kontrollieren kann, konzentriert sich drinnen alles auf dieses kleine Leben. Feuerwehr und Notruf sind überlastet und geben immer wieder nur den Rat, sich möglichst weit oben in Gebäuden in Sicherheit zu bringen. In seiner Verzweiflung schreibt Fabio einen Zettel: „Hilfe,Frühchen.“ Ein Hilferuf an den kreisenden Hubschrauber über dem Haus. Dieser signalisiert, die Botschaft verstanden zu haben, helfen kann er nicht. Die Nacht bleibt, wie sie ist: dunkel, laut, unübersichtlich und voller Angst.
Erst am nächsten Tag gegen Mittag erreicht die Feuerwehr das Haus. Die Einsatzkräfte bewegen sich durch eine Landschaft, die kaum noch wiederzuerkennen ist. Wege sind verschwunden, Orientierung ist nur noch bruchstückhaft möglich.
„Als uns die Helfer aus dem Haus holten, standen sie selbst noch brusthoch im Wasser“, sagt Larissa. „Ein Feuerwehrmann trug Raphael im Maxi-Cosi, ein anderer hatte mich im Arm. Mein Freund blieb zurück, weil er noch versuchen wollte, irgendwelche Dinge zu retten.“
Einige Kilometer entfernt warten Bundeswehr und Rettungsdienst. Nach einer kurzen Untersuchung wird Raphael erneut in die Kölner Uniklinik verlegt. Und wieder herrscht Ausnahmezustand. Die Familie wird getrennt. Die Mutter ist mit dem Kind in der Klinik, der Vater bleibt im Dorf, selbst betroffen und bei Angehörigen untergebracht. Dazwischen liegt eine Realität aus Telefonaten, Nachrichten und dem Versuch, irgendwie weiterzumachen.
Für Larissa und ihre kleine Familie gibt es in dieser Zeit Unterstützung durch den Bunten Kreis Rheinland. Schon nach der Frühgeburt hatte eine Nachsorgeschwester die Familie unterstützt, etwa beim Legen der Magensonde, was anfangs oft schwierig war.
„Die Nachsorgeschwester war wirklich ein Segen für uns“, erinnert sich Larissa. „Sie war einfach da, hat zugehört, geholfen bei Anträgen, beim Pflegegrad, bei all dem, was zusätzlich auf uns einstürzte, als wir längst am Limit waren. Vor allem hat sie uns das Gefühl gegeben, nicht allein zu sein. Darüber hinaus hat uns der Bunte Kreis Rheinland auch finanziell unterstützt und uns ganz unbürokratisch 25.000 Euro als Ersthilfe zur Verfügung gestellt. Das hat uns in dieser akuten Ausnahmesituation wirklich enorm geholfen und uns ein Stück Sicherheit gegeben.“
Nach anderthalb Wochen in der Klinik ziehen Larissa und ihre kleine Familie in eine Ferienwohnung und treffen irgendwann die Entscheidung, nicht mehr in das alte Haus zurückzukehren. Zu nah am Wasser steht es und erinnert ständig an die Schicksalsnacht. Schritt für Schritt kämpfen sie sich zurück ins Leben und der größte Kämpfer ist ihr Sohn.
Heute ist Raphael fünf Jahre alt. Er ist lebendig, neugierig, spielt leidenschaftlich gern Fußball, hat viel Energie und einen starken Willen. Klein und zart ist er geblieben, aber voller Leben.
Und vielleicht ist es genau das, was bleibt: dass aus einem Kind, das einmal zwischen Maschinen ins Leben gestartet ist und später in einer Flutnacht fast aus dem Leben gerissen worden wäre, heute einfach ein kleiner Junge sein darf.
„Ich wünsche Raphael, dass er seine Stärke und seinen Willen beibehält“, sagt Larissa. „Und dass er, wenn es nach ihm geht, einmal Fußballprofi wird.“

Juli 2026 – Yvonne Lange