Zwillingsfrühchen – Ein Besuch bei Familie Heydebreck

Eigentlich hatte sich Familie Heydebreck ihre Zukunft ganz anders vorgestellt. Die gelernte Make-up-Artist und Frisörin Antje Heydebreck plante, gemeinsam mit ihrem Mann und den beiden Söhnen Jonathan (13) und Teo (3) zu den Schwiegereltern nach Fehmarn zu ziehen, weil dort die Chancen auf einen gut bezahlten Job für Vater Michael wesentlich besser seien als in Köln. Aber dann wurde sie schwanger und das Ultraschall-Ergebnis im 3. Monat war ein Schock für die sie: Zwillinge. Jonathan beginnt gerade zu pubertieren, Teo soll in den Kindergarten, mag sich aber nicht recht von der Mutter lösen, der Vater arbeitet in einer Kneipe, meist erst nachmittags bis in den späten Abend, und Babykleidung für Mädchen gibt es auch keine im Haushalt Heydebreck. Also plant die werdende Mutter kurzerhand um und begibt sich erst einmal auf die Suche nach finanzieller Unterstützung.

Dann traten in der 25. Schwangerschaftswoche Komplikationen auf, der Bauch wurde hart, in der Klinik stellten die Ärzte ein Fetofetales Transfusionssyndrom fest. Ein Schock für die Mutter, wieder machten sich Ängste und Unsicherheiten breit. Nach kurzer Überlegung – viel Zeit blieb den Eltern nicht - entschieden sie sich für einen Kaiserschnitt im 7. Monat Schwangerschaftsmonat. Die Alternative wäre eine Laser-Therapie gewesen, die die Blutkreisläufe der Kinder bereits vor der Geburt trennt, damit der Kampf um den Mutterkuchen nicht zum Kampf ums Überleben wird. Allerdings, ganz so sicher, den richtigen Weg gegangen zu sein, ist sich Antje Heydebreck bis heute nicht. „Wer weiß, vielleicht hätten es beide geschafft und wären erst viel später und kräftiger auf die Welt gekommen.“ Die Kölner Frauenklinik überwies die Mutter nach Bonn. Hier in der Uni-Frauenklinik kam am 10. Mai 2014 Lille mit 700 Gramm und Schwesterchen Miina mit 780 Gramm auf die Welt.

Die Zwillinge bleiben mit ihrer Mutter vier Wochen auf der Neonatologischen Intensivpflegestation der Bonner Uniklinik. Dort hört Frau Heydebreck erstmals etwas über den Bunten Kreis, als ihr die Vorsitzende Inka Orth eine Vase mit einer kleinen Blume überreicht und zum Muttertag gratuliert. Der enge Kontakt zum Bunten Kreis ist seit diesem Tag nicht abgebrochen.

Nach vier Wochen werden die Zwillinge in die Bonner Kinderklinik verlegt; Miina und Lille müssen sich beide einer Darm-Operation unterziehen. Die Mutter pendelt weitere 3 Monate zwischen Köln-Mühlheim und Bonn mit einem von Freunden geliehenen Auto, den kleinen Teo meistens mit an ihrer Seite. Die beiden verbringen viele Stunden im Elterncafé „Atempause“ in der Kinderklinik, wo der Bunte Kreis jeden Dienstag einen sog. Frühchentreff zum Erfahrungsaustausch für Eltern Frühgeborener anbietet. Nachsorgeschwester Dagmar Kirsche vom Bunten Kreis berät die Familie hier in allen wichtigen Fragen rund um die Versorgung von Zwillingen und Frühgeborenen. Angefangen bei den Problemen, Mini-Kleidungsstücke für die Zwillinge zu beschaffen, Unterstützung zu beantragen oder aber dabei zu helfen, ein Überwachungsgerät und eine Enterale Ernährungspumpe für Zuhause anzumieten, der Bunte Kreis wusste Rat. Er vermittelte der Familie auch einen ambulanten Pflegedienst. „Der Bunte Kreis hat alles für uns geregelt, ohne ihn wäre Lille vielleicht heute noch in der Klinik“ so Heydebreck.

Jonathan und Teo werden immer wieder bei Freunden untergebracht, dann springen die Angehörigen der Mutter ein. Nach vier Monaten kann Miina nachhause entlassen werden. Die schwächere Lille bekommt eine Hirnblutung, muss intubiert werden und kann erst vier Wochen später zu ihrer Familie. Heute schläft Lille die meiste Zeit, von 22 bis morgens 8 Uhr begleitet sie ein ambulanter Pfleger, den Blick auf den immer wieder piependen Überwachungsmonitor gerichtet. Lille wird noch einige Monate überwacht und künstlich ernährt werden müssen; wegen ihres Kurzdarms wird sie wohl ihr Leben lang auf ihre Ernährung achten müssen.

Die Mutter ist dankbar für die Unterstützung, die sie auch zuhause vom Bunten Kreis bekommt. Nachsorgeschwester Britta Neumann hat die Familie bereits in der Klinik kennen gelernt. Sie hat für eine gute Überleitung der Zwillinge nachhause gesorgt und schaut regelmäßig vorbei, gibt Ratschläge, packt mit an oder vermittelt Unterstützung von außerhalb. So gibt es immer wieder Probleme mit dem Einsatz von Pflegekräften über den ambulanten Pflegedienst, vor allem für die Tagesschicht. Oft gibt es für die Nachtschicht gar keine Ablösung und die Mutter ist mit ihren beiden Zwillingen solange alleine, bis die Brüder nachhause kommen und der Mutter helfen. „Mal eben so losgehen an den Rhein zu einem Spaziergang, das geht gar nicht.“ Knapp 80 Minuten benötigt sie für die Vorbereitungen dazu. Allein das sterile Abstöpseln der Geräte bei Lille mit OP-Unterlage, sterilen Tupfern und Mundschutz dauert 20 Minuten. „Alles in allem haben wir großes Glück gehabt, dass die Katastrophen so gut ausgegangen sind“ meint die Mutter. „Was uns fehlt ist ein Auto. Und ich möchte einfach mal irgendwo hingehen und die Zeit vergessen dürfen, mal nichts tun müssen.“ Dies gönnt sich die Mutter mit ihrer Modelfigur meist nachts so gegen 3 Uhr, wenn alle schlafen. Dann endlich isst auch sie etwas und trinkt mit dem Pflegepersonal einen Tee.