Weltfrühgeborenentag

Hamta Schuster öffnet lächelnd ihre Tür. Auf dem Arm hält die 34-jährige Iranerin den
neunmonatigen Sohn Nyam. Aber Hamta und ihr Mann kennen auch weniger fröhliche Zeiten.
Viel zu früh kommt Nyam in der 22. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Er wiegt nur 370
Gramm – weniger als zwei Päckchen Butter. Nach seiner Geburt nimmt er noch weiter ab, bis
er nur noch 260 Gramm leicht ist. Nyam hatte noch einen Zwillingsbruder. Doch der lebte nur
12 Stunden. „Er war einfach zu schwach“, sagt Hamta. Man merkt ihr an, wie schwer der
Schmerz noch wiegt. „Es war eine wahnsinnig anstrengende Zeit“, erinnert sich die junge
Mutter. Gerade als sie anfangen wollte, die Schwangerschaft zu genießen, platzte bei einem
der Babys die Fruchtblase. Ein Not-Kaiserschnitt musste gemacht werden. Die OP war
traumatisch, die Schmerzen groß. Aber viel schlimmer war natürlich der Schmerz um das
verlorene Kind. „In der Zeit, in der wir um das Leben des einen Kindes gerungen haben,
mussten wir das andere beerdigen. Ich kann das alles erst nach und nach verarbeiten.“
Nyam aber kämpft sich ins Leben. Knapp vier Monate lang wird er in der Uniklinik Köln
künstlich beatmet. Da Hamta zu dem Zeitpunkt schon in Bonn wohnt, mietet sie sich ein
Zimmer an, um möglichst nah bei ihrem Sohn zu sein. Als die Krankenschwestern sie das erste
Mal ermutigen, mit ihrem Sohn zu kuscheln, fängt sie an zu weinen: „Ich hatte große Angst,
ihm weh zu tun. Er hatte einen Tubus in der Nase und all die Kabel um ihn herum. Da sah er
so schlimm aus“, sagt sie heute. Aber das Kuscheln half. Schnell entstand eine tiefe Bindung
zwischen Mutter und Sohn.
Nach sechs Monaten konnte Nyam das Krankenhaus endlich verlassen. Da hatte er unter
anderem das Trinken mühsam gelernt. Bis heute ist das nicht leicht für ihn, er verschluckt sich
oder wird schnell müde. Bei diesen und weiteren Problemen steht Hamta jetzt eine
Nachsorgeschwester zur Seite, die ihr hilft. Sie haben sich über den Bunten Kreis Rheinland
kennengelernt. „Als ich sie das erste Mal gesehen habe, hat es sofort klick gemacht. Sie war
immer für mich da, wenn ich irgendwelche Ängste hatte und hat mich beruhigt. Das hat mir
sehr viel Sicherheit gegeben.“
Eine Nachsorgeschwester unterstützt Familien über medizinische Fragen hinaus: bei Anträgen
für Krankenkassen oder der Suche nach Frühförderung. In Nyams Fall stellte sich die Frage, ob
die Familie eine Pflegestufe bewilligt bekommt. Nach dem Antrag bei der Krankenkasse folgte
ein Gutachten des medizinischen Dienstes. Diese Anträge sind oft sehr kompliziert und für die
ohnehin seelisch geschwächten Eltern sehr mühsam. Gemeinsam mit ihrer
Nachsorgeschwester hat Hamta es geschafft, eine Pflegestufe für Nyam bewilligt zu bekommen
und kann sich jetzt um Dinge wie Physiotherapie und Heilpädagogik-Angebote kümmern.
Jeden Tag kehrt ein wenig mehr Selbstbewusstsein und Sicherheit in Hamtas Leben zurück. Sie
unternimmt viele Ausflüge mit Nyam, denn er liebt es, wenn um ihn herum viel los ist.
Manchmal erscheint es Hamta fast so, als wäre es ihm daheim zu ruhig. „Ich würde so gerne
wissen, ob er spürt, dass er einen Bruder hatte“, sagt Hamta nachdenklich. Dann nimmt sie
ihren Sohn liebevoll in den Arm, setzt ihn ins Auto und fährt zu ihrer Großfamilie nach Köln.

 

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