Diabetes-Nachmittag

Der zweijährige Fabian will unbedingt ein Stück Kuchen und auch Justus, 8 Jahre alt, kann es
kaum erwarten, dass das Buffet endlich eröffnet wird. Eigentlich eine ganz normale Kaffee-
Tafel-Szenerie, stünden nicht überall Kohlenhydrat-Werte. Eine Waffel hat in diesem Fall 3 KE,
ein Stück Käsekuchen 4,2 KE. Wichtige Angaben für alle Diabetes-Patienten, die ihre
Insulindosis ermitteln müssen und die für diesen Nachmittag sorgfältig ausgerechnet wurden.
Der Bunte Kreis Rheinland veranstaltete in der Unikinderklinik Bonn im Rahmen der Projekte
„Blutzuckersüß“ und „Familiencafé“ einen gemeinsamen Nachmittag mit an Diabetes
erkrankten Kindern und Jugendlichen und deren Familien. Auf dem Programm standen
Bastelaktionen für die Jüngeren und Gesellschaftsspiele für ältere Kinder und Jugendliche. Das
Ziel dabei: Andere diabetes-erfahrene Familien kennenzulernen und sich auszutauschen. Die
Tendenz an Neuerkrankungen steigt. 30.000 Kinder und Jugendliche sind derzeit in
Deutschland an Diabetes Typ 1 erkrankt, etwa 2.200 Kinder erkranken jährlich neu,
zunehmend vor allem jüngere Kinder.
Fabian war zum Zeitpunkt seiner Diagnose erst knapp 2 Jahre alt. Kurz nach seinem zweiten
Geburtstag wurde er immer schlapper und schläfriger. Zu Beginn dachte seine Mutter noch an
eine harmlose Erkältung, doch als Fabian bis zu drei Litern Wasser pro Tag trank und es ihm
immer schlechter ging, testete sie seine Zuckerwerte. Schnell war klar: Fabian ist total
übersäuert und muss dringend in die Kinderklinik. „Am Anfang war die Diagnose für mich eine
Katastrophe“, so Viola, Fabians Mutter. „Ich dachte: Jetzt ändert sich alles! Wir haben noch
eine acht Monate alte Tochter, wie soll ich das mit zwei kleinen Kindern machen? “ So kam es,
dass Fabians Vater den ersten Tag seiner Elternzeit zusammen mit seinem Sohn in der
Kinderklinik verbrachte. Zwei Wochen dauert der stationäre Aufenthalt in der Regel, bevor
Eltern und Kinder sicher genug im Umgang mit der Krankheit sind. Unterstützt werden sie
unter anderem vom Bunten Kreis Rheinland, zum Beispiel von Dr. Wilma Dubois,
Koordinatorin des Projektes „Blutzuckersüß“ und Mitglied des Diabetes-Teams an der
Unikinderklinik Bonn, die mit ihrer ruhigen, einfühlsamen Art und ihrem umfangreichen Wissen
schon vielen Familien Sicherheit im Umgang mit der Krankheit geben konnte. Auch für Viola
war sie ein rettender Anker. „Wir wurden mit der Zeit immer entspannter. Es muss jetzt
einfach immer viel gerechnet werden, aber das beherrschen wir mittlerweile ganz gut. Wir sind
zeitlich mehr getaktet und nicht mehr so spontan wie früher.“ Bevor Familie Rech das Haus
verlassen kann, muss erst der kleiner Rucksack gepackt werden. Immer dabei: Eine Waage,
ein Heft zum Eintragen der Lebensmittel, die Fabian isst, seine Trinkflasche, das Blutzucker-
Messgerät und Traubenzucker. Doch hin und wieder kommt es trotzdem noch zu
unvorhergesehenen Situationen. So zum Beispiel, als aus Fabians Spielgruppe ein Kind
verabschiedet wurde und dessen Mutter Cupcakes gebacken hatte. „Sie hat es wirklich gut
gemeint, aber die Kombination aus Sahne, Frischkäse, Banane und Spinat, hat mich beim
Ausrechnen der Kohlenhydrate total überfordert,“ gibt Viola lachend zu.
Viele unterschiedliche Phasen hat auch Susanne Gebert, Mutter des 8 jährigen Justus, schon
mit ihrem Sohn erlebt. „Das Anstrengendste ist, dass man 24 Stunden am Tag mit dem Thema
beschäftig ist“, sagt sie. „Ob im Urlaub oder am Wochenende, die Krankheit ist immer im
Gepäck.“ Justus geht ganz normal in die zweite Klasse und alle wissen Bescheid. Zweimal
täglich fährt sie in die Schule, um auszurechnen, wieviel Insulin-Einheiten ihr Sohn bekommt.
Spezielle Schulungen für Lehrer und OGS-Betreuer helfen, Ängste, Unsicherheiten und
Vorurteile im Umgang mit jungen Diabetes-Patienten zu mindern, da sich betreuende Personen
mit der Thematik oft überfordert fühlen. Es kommt beispielsweise vor, dass dreijährige Kinder
keinen Kindergartenplatz bekommen, weil Einrichtungen sich weigern Betroffene
aufzunehmen. Auch Susanne kann die täglichen Besuche in Justus Schule nur leisten, weil sie
einen sehr verständnisvollen Arbeitgeber hat. „Es gibt noch viel zu tun, im Bereich der
Aufklärung“, so Dr. Wilma Dubois, „Schulungen sind wichtig, um über das Krankheitsbild
Diabetes mellitus Typ 1 aufzuklären, das sich vom weitaus mehr verbreiteten Diabetes mellitus
Typ 2 in Ursache und Therapie deutlich unterscheidet. Familientreffen sind zudem wichtig,
damit sich die Eltern austauschen und gegenseitig unterstützen können. Wir hoffen mit
unserem Angebot, Wissen und Akzeptanz bzgl. der Autoimmunerkrankung Diabetes mellitus
Typ 1, deren Ursache noch immer unklar ist, in der Gesellschaft zu erhöhen.“ Das nächste
Treffen findet voraussichtlich vor der Adventszeit statt.

 

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