Welt-Frühgeborenen-Tag

„Als Du das erste Mal Deine Augen geöffnet hast, stand die Welt einen Moment lang still.“

Nadja Enters ist 26 Jahre alt. Bis auf heftige Übelkeitsattacken hat sie eine unkomplizierte Schwangerschaft. Ab der 28. Schwangerschaftswoche bemerkt sie allerdings immer wieder ein heftiges Ziehen im Unterleib. Im Geburtsvorbereitungskurs lässt sie von ihrer Hebamme vorsorglich ein CTG machen und schnell wird klar: Nadja hat regelmäßige Wehen und muss sofort ins Krankenhaus. Ein anschließender Pränatal-Ultraschall ergibt: Sie hat zu viel Fruchtwasser, weil auch der Darm des Kindes nicht in Ordnung ist.

Eric Enters beschreibt in einem emotionalen Brief an seinen Sohn die Erlebnisse vor und nach dessen Geburt.

Lieber Vinzent,
Du liegst nebenan in Deinem Bettchen und schläfst. Während ich das schreibe, füllen sich meine Augen mit Tränen, denn Dein Weg auf die Welt war schwer. Du bist gerade einmal ein halbes Jahr alt. Aber eines Tages wirst Du durch diese Zeilen vielleicht begreifen, was für ein Wunder Du für uns bist.

Als Du, acht Wochen zu früh, mit nur 1.740 Gramm geboren wurdest, stand ich im Stau. Am Abend zuvor hatte Nadja einen Blasensprung, aber die Ärzte wollten Dich so lange wie möglich im Bauch lassen. Doch dann kam am Morgen ihr Anruf: „Bitte komm schnell, ich habe Wehen, die Schmerzen werden schlimmer.“ Noch auf dem Weg ins Krankenhaus ruft die Ärztin an: „Wir mussten einen Notkaiserschnitt machen, aber ihre Frau und ihr Sohn sind stabil.“ Ich brach sofort in Tränen aus und weiß bis heute nicht, ob es Tränen der Freude oder der Verzweiflung waren. Wahrscheinlich beides.

Im Krankenhaus angekommen stürmte ich in den Kreißsaal und nahm Nadja in den Arm. Sie fragte mich, wo Du bist. Ich wusste nur, dass Du auf der Intensivstation liegst, aber nicht, wie es Dir geht. Wir mussten warten. Sehr lange. Dabei wollte ich Dir doch sagen, wie sehr ich Dich liebe. Wie sehr wir uns auf Dich gefreut hatten. Stunden später kam endlich ein Arzt, der uns mitteilte, dass ich Dich jetzt sehen darf. Ich war voller Freude und lief auf die Tür zu, vor der ich noch viele Male stehen sollte. Balu der Bär und Mogli waren darauf zu sehen. Und dann warst da Du. So zart. So hilflos. Ganz viele Haare auf dem Kopf und unzählige Kabel an Deinem kleinen Körper. Ich durfte Dich nicht in den Arm nehmen und wollte doch so sehr, dass Du spürst, dass ich bei Dir bin. Meine Beine wurden schwach. Wie durch eine Nebelwand nahm ich die Worte der Ärzte wahr: „Komplikationen. Vorzeitige Plazentaablösung. Unterversorgt. Reanimieren. Derzeit stabil. Abwarten.“

Wie sollte ich das Deiner Mutter beibringen? Sie selbst war doch noch so schwach von der Operation. Als auch sie endlich zu Dir durfte, berührte sie Deine Hand. Du hast sofort Deinen Zeigefinger nach ihr ausgestreckt, als wolltest Du sagen: „Mama, alles wird gut. Ich werde kämpfen.“ Da wusste ich: Gemeinsam schaffen wir das.

Abends fuhr ich nach Hause. Während ich mich gerade hinlegte, stand eine Ärztin am Bett Deiner Mutter. Sie sagte ihr, dass du in einem sehr kritischen Zustand bist und sie abwarten müssten, wie die Nacht wird. Du hattest mehrere Krampfanfälle und durch die Reanimation nach Deiner Geburt hatten wichtige Organe gelitten, vor allem die Nieren. Für uns brach eine Welt zusammen. Vor Nadja habe ich nie Tränen gezeigt und war stark für uns beide. Doch ich hatte große Angst. Bis heute kann ich mir die Fotos, die kurz nach Deiner Geburt entstanden sind, nicht anschauen ohne eine Gänsehaut zu bekommen.

Es waren so viele Eindrücke. Das gute Zureden der Schwestern, die besorgten Blicke der Ärzte. Deine Nieren haben nicht richtig gearbeitet und Dein Körper war bald ganz aufgedunsen und erinnerte nicht mehr an den eines Neugeborenen. Du hast nicht getrunken, nicht selbstständig geatmet und überall war da die dieses Piepsen von der ständigen Überwachung der Monitore. Die ganze Zeit habe ich Dir gut zugeredet und wenn Deine Mutter an Deinem Bettchen in Tränen ausgebrochen ist, habe ich zu Dir gesagt: „Schau mal, die Mama hat wieder Schnupfen.“ Ich wollte nicht, dass Du merkst, wie verzweifelt wir sind. Immer wieder haben wir die Ärzte gefragt: „Können sie uns irgend etwas positives sagen? Gibt es Kinder, die so etwas überleben?“

„Natürlich gibt es die“, hatte der Chefarzt gesagt und er sollte Recht behalten. Wie durch ein Wunder, wurden Deine Krampfanfälle weniger, Deine Nieren haben angefangen zu arbeiten und Du hast selbständig geatmet. Eine weitere Operation am Darm musstest Du noch über Dich ergehen lassen, aber auch die hast Du kleiner Held überstanden. Wir lernten die Abläufe auf der Neonatologie immer besser kennen und bekamen bald Routine im Umgang mit Dir. Jeder Tag, an dem ein weiteres Medikament abgesetzt oder ein weiterer Kabelstrang aus Deinem Körper gezogen wurde, war ein guter Tag. Als Du das erste Mal einen Ton von Dir gegeben und Deine Augen geöffnet hast, stand die Welt einen Moment lang still.

Und dann war er da. Dieser ganz besondere Tag. Der Tag, an dem wir Dich nach Wochen endlich mit nach Hause nehmen durften. Zuerst war es noch sehr ungewohnt, weil wir nach einer Rundumversorgung im Krankenhaus plötzlich auf uns allein gestellt waren. Aber unsere liebe Nachsorgeschwester vom Bunten Kreis Rheinland hat uns sehr viel Sicherheit gegeben. Bis heute ist sie für uns eine wichtige Stütze.

Ein kleines Geheimnis verrate ich Dir noch: Du hast die großartigste Mutter der Welt und ich bin unendlich stolz darauf, Dein Vater zu sein. Du bist unser Prinz, auf den wir so lange gewartet und auf den wir uns so gefreut haben. Ich werde Dich immer beschützen. Ich liebe Dich über alles.

Dein Papa

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