Zeit im Leben

Als ich ein Kind war, gab es Tage, da wusste ich: Ich bin unsterblich. Dann sagte der Arzt zu meinen Eltern, ich hätte Krebs. Er sagte es nicht zu mir. Keiner sagte irgendetwas zu mir. Alle sahen mich nur an und fingen an zu weinen, wenn ich erzählte, dass ich später einmal Höhlenforscher oder Tiefseetaucher oder beides werden wollte. Ich fragte nicht, warum sie weinten. Ich war nicht dumm. Meine Cousine hatte auch Krebs. Sie ist gestorben, bevor sie ihre erste Steuerklärung machen musste. Mein Vater hat es mir so erklärt. Er hasst Steuererklärungen. Vielleicht wollte er mir damit sagen, dass sie die gute Zeit davor erlebt hatte. Ihre Kindheit, ihre Jugend, ein paar Tage als erwachsener Mensch. Und wer will schon richtig erwachsen werden, auf dieser viel zu großen Welt?
Ich.
Ich würde das gerne.
Ich würde lieber erst nach dem Erdölvorkommen sterben. Ja. Es gibt Augenblicke, da möchte ich das jedem sagen. Aber ich weiß, dann fangen wieder alle an zu weinen. Und man muss nicht ständig weinen, wenn die Zeit noch da ist.

Und die Zeit ist hier.
Heute.
Genau wie ich.

 

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